Die ehemaligen Kieswerke in Niederfinow

Seit 1882 wurde in Niederfinow Kies abgebaut. Als erstes Abbaugebiet wird "Wurls Grund" in der nähe des heutigen Schiffshebewerkes erwähnt. Der Transport wurde damals mit Pferd und Wagen durchgeführt. Zu dieser Zeit entstand auch die erste Grube in Stecherschleuse oberhalb der heutigen Waldstraße. Zum Transport verwendete man hier bereits Loren, welche auf Gleisen von Pferden zum Finowkanal gezogen und dort in Kähne umgeladen wurden. In 2 Tagen war ein Kahn von 150 Tonnen beladen. Nach der Bereitstellung eines Förderbandes konnten ab ca. 1913 täglich 2 Kähne mit Kies beladen und in Richtung Berlin entsendet werden. Am Anfang des 20. Jahrhunderts gewann der Kiesabbau duch die Grube der Firma Bertram an Bedeutung. Diese Firma nahm Schiffsverladungen am Finowkanal vor. Der abgebaute Kies wurde mittels einer Seilbahn, welche eine Länge von ca. 2 Kilometer hatte und mit 100 Kastenloren bestückt war, von der Grube in der Nähe des heutigen Oder - Havel - Kanals zum Finowkanal befördert.


Seilbahn mit Loren ( Vielen Dank an Fam. Flach )

Am Kanal befand sich eine Entladestelle / Übergabestelle mit der es gleichzeitig auch möglich war, Kähne und Eisenbahnwagons zu beladen. Die Reste dieser Anlage sind noch heute am Kanal in der Nähe des Atomill zu finden. Weitere Verladestationen am Finowkanal waren weiter in Richtung Lieper Schleuse vorhanden. Auch hier sind die Spuren in Form von alten Gleisdämmen in den Wiesen zu finden.


Übergabebauwerk am Finowkanal ( Vielen Dank an Fam. Flach )


Auf diesen Fundamenten am Atomill stand früher das Übergabebauwerk am Finowkanal. Foto vom 01.04.2009 ( © A. Preuß )

Nach der Fertigstellung des Oder - Havel - Kanals 1914 gewannen die Kiesvorkommen in Niederfinow erheblich an Bedeutung. Der Absatz im Raum Berlin stieg rasant an und auch die Wirtschaftlichkeit des Transportes verbesserte sich. Mussten beim Finowkanal noch 10 Schleusen überwunden werden, war es beim Oder - Havel - Kanal nur noch die Schleuse Lehnitz. Weiterhin war man nun in der Lage, größere Kähne zu beladen und einzusetzen. 1925 übernahm die Firma Butt & Co. den Betrieb der Firma Bertram und erweiterte diesen erheblich. So wurde der Lorenbetrieb mit Dampflokomotiven eingeführt, 12 Kilometer Gleis verlegt und zwei hölzerne Verladebühnen errichtet. Mit 250 Mitarbeitern war der Betrieb eine der größten Kiesgruben im Eberswalder Raum. Mit dem Bau der Autobahnen ab 1935 erhöhte sich ber Bedarf an hochwertigem Kies weiter. Um diesem Bedarf gerecht zu werden, errichtete man eine Kiessieb- und Waschanlage mit einer Stundenleistung von 100 Kubikmeter. Da der Eigenbesitz an Land für den Kiesabbau nicht mehr ausreichte, pachtete man von den Niederfinower Eigentümern 60 ha Land dazu. Nach fertigstellung der Sieb- und Waschanlage verließ alle 2 Stunden ein Schiff mit 200 Tonnen Kies die Anlage. Um den Materialausstoß weiterhin zu erhöhen setzte man die ersten Bagger ein. Gleichzeitig erhöhte man die Leistung der Dampflokomotiven von Anfangs 40 PS auf 90 PS Leistung, da die Züge länger und die Wege weiter wurden. 3.000 bis 4.000 Tonnen Kies, zur Hälfte Waschkies und Rohkies, verließen die Grube Anfang der 40er Jahre täglich .


Sieb und Waschanlage etwa 1957 ( Vielen Dank an Fam. Flach )


Ende der 20er Jahre siedelte sich in der Nachbarschaft das Unternehmen der Firma Tabbert an. Dieser Kiesgrubenbetrieb sollte als Auflage einen extra Hafen zur Beladung der Schiffe bauen. Dieser Hafen bestand aus einer einfachen Bucht mit einer Verladerampe. Auf diese Rampe wurden die Lorenzüge hinaufgeschoben und der Kies über eine einfache Rutsche in Schiffe verladen. Aufgrund der geringen Rohstoffbasis erlangte diese Firma keine größere Bedeutung. Während der Trockenlegung des Kanals 1953 wurde die gesamte Konstruktion entfernt.


Der Hafen mit Verladerampe am 08.04.1953


Die Reste des Hafens der Firma Tabbert. Das Foto entstand am 30.04.2009. (© Ralf Roletschek)

Die Firma Butt & Co., welche Eigentümer und Pächter eines erheblichen Teils der Niederfinower Kiesvorkommen war, wurde 1948 enteignet und am 10.11.1949 als Volkseigener Betrieb dem Land Brandenburg übergeben. Am 1.1.1959 wurde der "VEB Kieswerke Niederfinow" gedründet. Die Kiesproduktion wuchs von 90.000 Tonnen im Jahr 1949 auf 590.000 Tonnen im Jahr 1958. Zur Steigerung der Produktion wurden 4 neue Bagger eingesetzt, der Lokpark und die Gleisanlagen wurden erweitert, die Wasch- und Siebanlage wurde rekonstruiert und die Werkstatt wurde neu aufgebaut. Die Arbeitsbedingungen wurden durch die Errichtung eines Sozialtrakts verbessert. Die Kieswerke Niederfinow lieferten sehr hochwertigen Kies, welcher einer ständigen Qualitätskontrolle unterlag. Die erste Spannbetonbrücke in der DDR wurde mit Niederfinower Kies gebaut. Mit den Lieferungen von Rohkies und Waschkies deckte man einen erheblichen Teil des Exports nach Westberlin ab.
Ende 1973 waren die abbauwürdigen Vorkommen auf der Südseite des Oder - Havel - Kanals erschöpft. Da es für die Kiesvorkommen auf der Nordseite des Kanals keine Abbaugenehmigung gab, wurde der gesamte bewegliche Maschienenpark, die Technik und die Arbeitskräfte zu den neu erschlossenen Vorkommen in Hohensaaten und Lunow umgesetzt. Mit dem Rückbau der Anlagen endete in Niederfinow die 90 jährige Geschichte des Kiesabbaus. ( Quelle: Siegfried Schiefelbein  "Niederfinow - Ein Ort mit schwebenden Schiffen" )


Reger Schiffsverkehr an der Kiesverladerampe in Höhe der ersten Klosterbrücke. Der Aufnahmezeitpunkt ist leider unbekannt.
( Vielen Dank an P. Kaleske )

Heute sind bis auf die Reste des Hafens und auf die Reste der Fundamente am Kanal keine Spuren mehr vorhanden. Lediglich in den alten Gruben kann man noch die Lage der Gleise und die Abraumberge erkennen. Das gesamte Gelände wurde nach dem Kiesabbau aufgeforstet.
Weitere Historische und Aktuelle Fotos Finden Sie im Bildarchiv.

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