Der Finowkanal und seine Geschichte

Die Idee, die Havel mit der Oder zu verbinden, gab es bereits zur Regierungszeit des Kurfürsten Joachim II. Am 21. Oktober 1603 erteilte Kurfürst Joachim Friedrich die Order, einen Kanal von  der Havel bei Liebenwalde bis zur Finow bei Schöpfurth zu bauen und das Flüsschen Finow zu kanalisieren. Mit dem Bau wurde im Frühjahr 1605 mit dem ersten Spatenstich bei Liebenwalde begonnen. 1609 war die Verbindung zwischen Liebenwalde und Schöpfurth einschließlich des Baues von 5 Schleusen fertig gestellt. Dieser schiffbare „Graben“ war zwischen 7 und 8 Meter breit und die Schleusen hatten eine Abmessung von etwa 60 x 9 Meter. Akuter Geldmangel verzögerte jedoch den weiteren Ausbau. Erst 1620 waren weitere 6 Schleusen fertig gestellt und der Kanal, welcher ab Schöpfurth das Bett der Finow benutzt, durchgängig befahrbar. Die erste der insgesamt 11 Schleusen war die Schleuse Liebenwalde, die letzte Schleuse vor der Oder war die Stadtschleuse Eberswalde. Die Oder war damals etwa 9 km von der Stadtschleuse entfernt. Seitenarme reichten gar bis Niederfinow.

Der 1618 ausgebrochene 30-jährige Krieg hatte schwerwiegende Folgen für den Kanal. So wurden die Schleusen und die Kanaldämme fast vollständig zerstört. Die Havel suchte sich einen Abfluss durch das zerstörte Kanalbett zur Oder und überschwemmte dabei weite Landstriche. Mitgeführter Sand führte zu einer fast vollständigen Verlandung der Finow. Abhilfe schaffte erst ein bei Liebenwalde aufgeschütteter Damm, welcher die Havel wieder in ihre ursprüngliche Abflussrichtung lenkte. Bereits 1700 war der Kanal kaum noch auszumachen und in Folge dessen fast vergessen.

Erst 1741 erkannte eine von Friedrich II. eingesetzte Kommission wieder den Nutzen einer Wasserverbindung zwischen Berlin, der Neumark, Pommern und Stettin. So sollten auf dem Wasserweg Salz, Holz für den Schiffbau und Baumaterial transportiert werden. In alten Archiven der Stadt Eberswalde wurden Unterlagen gefunden die belegten, das ein Kanal zwischen der Havel und der Oder bereits früher bestanden hatte. Da man die alte Linie als die zweckmäßigste befand, wurde 1743 auf Anordnung Friedrich II. mit dem Bau begonnen. Eigens dazu wurde ein Kanalbauamt, der Vorläufer des heutigen Wasser und Schifffahrtsamtes Eberswalde, gegründet. Die alten Schleusenböden, welche man beim Bau ausgrub, waren teilweise so gut erhalten, dass sie von neuem benutzt werden konnten. Rudolf Schmidt schreibt in seiner Chronik „Geschichte der Stadt Eberswalde“:

"Im Frühjahr 1745 wurde die Eberswalder Schleuse fertig. Zwölf Wochen lang hatten 40 Mann Tag und Nacht gearbeitet, um sie zu vollenden. Interessant ist der Verbrauch an Baumaterialien: 6077 Kubikfuß Pirna(i)sche Werkstücke, 42000 Mauersteine von Hohenfinow, 800 Fuder gesprengte Feldsteine von der ehemaligen Burg Eberswalde, 1000 Fuhren ordinäre Feldsteine, welche die Sommerfelder Bauern aus den neu erschlossenem Steinbruch auf Jenaischem Gelände bei Falkenberg heranzufahren hatten. Dazu 36 Zentner schwedisches Eisen, 1042 Spundpfähle, 388 Spitzpfähle, 480 Füllpfähle, 108 Eichenpfähle und 5400 Fuß Schälungsholz. Über 14000 Taler hatte der Schleusenbau gekostet."

Am 16. Juni 1746 konnte der Finowkanal zum zweiten Mal eröffnet werden. Ein mit 100 Tonnen Salz beladenes Schiff fuhr von Liebenwalde nach Oderberg. In Gegenrichtung fuhr ein mit Hafer beladenes Schiff. Diese Schiffe hatten eine Länge von 26,67 m und eine Breite von 3,11 m. Diesen Abmessungen waren auch die ersten Schleusen in Kesselform angepasst.



II.Kupferhammer-Schleuse in Eberswalde (Karte: Slg. A. Preuß)

Da die Finow unterhalb von Eberswalde ein schiffbarer Fluss blieb, zeigte es sich recht bald, das ein zu starkes Gefälle und viele Untiefen im Fluss den Schiffsverkehr immer wieder zum Erliegen brachten. Ein zusätzlich durch den Bau des Oderkanals von 1747 bis 1753 um 3,50 m abgesenkter Wasserstand im jetzigen Oderbruch machte eine Erweiterung des Kanals in Richtung Osten und den Bau von weiteren Staustufen erforderlich. Zu dieser Zeit wurde die Finow das erste Mal etwas begradigt und die Schleusen „Ragöse“, die Schleuse „Stecher“ und die heute nicht mehr vorhandene Schleuse Niederfinow (Hoppensche Schleuse) gebaut. Trotz der Kanalerweiterung gab es immer wieder Aufenthalte wegen Schadhaftigkeit der Schleusen. Zur damaligen Zeit waren die Häupter der Schleusen aus Holz errichtet, die Wände bestanden aus einem Geflecht von Faschinen. 1767 wurde mit Verlegung des Kanals ab Niederfinow in Richtung Lieper See die Schleuse Liepe gebaut. Mit  Einrichtung dieser zusätzlichen Staustufe war es möglich, das jährlich auftretende Oderhochwasser weitestgehend vom Kanal fern zu halten und auch eine Schiffbarkeit bei Niedrigwasser sicherzustellen. Der damals etwa 35 Kilometer lange Finowkanal hatte 15 Schleusen, 6 massive und 9 aus Holz. Die Ausbaubreite variierte zwischen 9 m im Bereich Liebenwalde und 22 m zwischen Niederfinow und Liepe. Das geringste Gefälle mit 0,94 m war an der damaligen „Steinfurtschen Schleuse“ und das größte Gefälle mit 4,10 m an der Kupferhammer-Schleuse.


Der Finowkanal in Kupferhammer mit der gemauerten Böschung. (Karte: Slg. A. Preuß)

Durch den stetig steigenden Wasserverbrauch, bedingt durch zunehmenden Schiffsverkehr und beginnender Industriealisierung des Finowtals, musste auch die Wasserspeisung des Finowkanals überdacht und neu geregelt werden. Der Wasserzufluss aus der Havel, der Finow, der Schwärze und der Ragöse reichten nicht aus, um den Bedarf zu decken. 1765 wurde der Werbellinsee über den Werbellinkanal mit zwei Staustufen (Schleusen Eichhorst und Rosenbeck) mit dem Finowkanal verbunden. Zur weiteren Verbesserung der Wasserspeisung des Finowkanals wurde 1780 der Vossgraben zur Havel gebaut.

Alte Aufzeichnungen belegen die Schiffbewegungen auf dem Kanal. Im Jahre 1749 waren es 1.047 Kähne und 297 Fischdröbel, um 1800 ca. 4.000 Kähne, 1.700 Schuten, 1.000 Fischdröbel und 12.000 Stämme Floßholz, im Jahre 1830 waren es ca. 5.200 Kähne sowie Schuten und Floßholz. In den Jahren 1841 - 1844 wurden durchschnittlich 13.334 Kähne und ca. 48.000 Stämme Floßholz geschleust. Auf Grund des enorm gestiegenen Verkehrsaufkommens wurde der Bau moderner, größerer Schleusen beschlossen. Durch eine Anordnung wurde Jahre 1817 für Schleusenneubauten am Finowkanal ein neuer Grundriss festgesetzt. Dieser sah, um zukünftig zwei Schiffe in die Schleusen zu bekommen, in der Längsachse versetzte Häupter vor. Zwischen 1823 und 1860 wurden alle Schleusen neu gebaut. 1831 wurde die Stadtschleuse Eberswalde fertig gestellt. Sie war die erste Schleuse, welche zweischiffig und in massiver Mauerwerksbauweise mit versetzten Häuptern errichtet wurde und ist heute die älteste noch in Betrieb befindliche Schleuse Deutschlands. Etwa zur gleichen Zeit erfolgten umfangreiche Kanalerweiterungen und Stauhöhenregulierungen. Dabei wurden die „Steinfurtsche Schleuse“ und die Niederfinower Schleuse („Hoppensche Schleuse“) überflüssig und abgerissen. Seit dieser Zeit hat der Finowkanal ein festgesetztes Normalprofil: Sohlenbreite 16,00 m, Wasserspiegelbreite 23,00 m bei einer Wassertiefe von 1,75 m. Im Jahre 1845 wurde eine weitere Regel festgelegt. Ab 1853 dürfen den Finowkanal nur noch Schiffe befahren, deren größte Breite 4,60 m, deren größte Länge 40,20 m und deren Tiefgang 1,40 m nicht überschreitet. Somit war der Finowmaßkahn mit einer Tragfähigkeit von 170 t als erstes Maßschiff Deutschlands geboren.


Der Finowkanal unterhalb der Stadtschleuse Eberswalde. (Karte: Slg. A. Preuß)

Zwischen 1838 und 1850 erfolgte ein grundlegender Neu- und Umbau der wasserbaulichen Anlagen zwischen den Schleusen Liepe und Ragöse. Dabei wurde der Kanal zwischen Niederfinow und der Schleuse Ragöse komplett in der Linie, wie sie heute noch vorhanden ist, neu gebaut. Wegen des Entfalls der „Hoppenschen Schleuse“ und der weiteren Regulierung der Staustufen wurde 1859 die Schleuse Stecher an heutiger Stelle neu gebaut und die alte etwa 2 Jahre später abgerissen. Der Finowkanal endete zu damaliger Zeit noch an der Lieper Schleuse und mündete unterhalb in die Oder. Durch den Bau des Oderdeiches am linken Oderufer zwischen 1848 und 1853 und der Errichtung der „Finowschleuse Hohensaaten“ zwischen 1853 bis 1856 wurde der Finowkanal um 14 km verlängert. Da das Oderbruch ab Hohensaaten nun über einen neuen Kanal (Hohensaaten Friedrichsthaler Wasserstraße) in Richtung Norden entwässerte, erreichte man mit dem Bau eines Wehres einen konstanten Wasserstand zwischen Liepe und Hohensaaten. Somit war aus einem Fluss ein Kanal geworden.


Die ehemaligen Finowschleusen in Hohensaaten (Karte: Slg. A. Preuß )

Da das Verkehrsaufkommen weiterhin stark zunahm, beschloss man um 1870 den weiteren Ausbau des Kanals. Zwischen 1874 und 1889 wurde an allen 14 Staustufen eine zweite Schleuse errichtet und der Kanal an einigen Stellen verbreitert und vertieft. Bedingt durch diesen letzten Ausbau mussten viele Brücken neu errichtet werden. 1889 wurde die endgültige Ausbaustufe erreicht. 1898 und 1899 wurden am Finowkanal zwischen der Stadtschleuse und der Ragöser Schleuse durch die damalige Firma Siemens & Halske Versuche mit elektrischen Schiffszügen unternommen. Getestet wurden zwei Systeme: das System Köttgen und das System Lamb. Köttgen sah vor, einen elektrischen Motor auf einer Schiene fahren zu lassen während Lamb einen an einem fest installierten Drahtseil fahrenden Motor vorschlug. Die Erfahrungen aus diesen Versuchen flossen später beim Bau der Treidelbahn am Teltowkanal und auch bei der Schleusentreppe Niederfinow ein. Mit 2.720.767 Gütertonnen war 1906 die Leistungsgrenze weit mehr als überschritten. Es kam zu tagelangen Wartezeiten an den Schleusen, eine gesamte Durchfahrt des Kanals nahm zeitweise 4 Wochen in Anspruch. Am 1. April 1905 ordnete Kaiser Wilhelm II. per Gesetz den Bau des Großschifffahrtsweges Berlin-Stettin an, welcher am 17. Juni 1914 feierlich dem Verkehr übergeben wurde. Der Finowkanal verlor nun für die durchgehende Schifffahrt an Bedeutung, war jedoch weiterhin für die Versorgung der angrenzenden Industrie und Gemeinden sehr wichtig. 1911 gab es zwischen der Havel und Liepe auf einer Strecke von 42 km 87 Bollwerke und Ladeplätze mit 9 Kränen und Ladebühnen, 17 Häfen und 3 Schiffbauanstalten. Das ergibt alle 500 m ein Bollwerk und alle 2500 m einen Hafen.

 

Fortsetzung folgt...

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